Sonntag, 6. März 2011

Der neue Patriot

Der neue Patriot - Die dunkle Seite des amerikanischen Traums hat mir mindestens so gut wie Der letzte Amerikaner, wenn nicht sogar noch besser gefallen. Kein Wunder, die Parallelen zu Alan Moores Meisterwerk Watchmen sind unübersehbar. John Smith und Jim Baikie inszenieren eine Anti-Super-helden-Erzählung, die in Punkto Verweisstruk-turen Watchmen fast in keiner Weise nachsteht.

Dekonstruktion 

Das Szenarion ist 2047 angelegt, erinnert aber eher an das Amerika der 1950er Jahre und stellt ähnlich wie Alan Moores V wie Vendetta eher ein Zerrbild der Gegenwart als eine futuristische Zukunftswelt dar.

Der Staat hat die Genmanipulation so weit getrieben, dass er sich Supersoldaten, so genannten Optmen oder Patrioten, herangezüchtet hat, um unliebsame Drecksarbeiten zu erledigen. Die Superhelden erscheinen wie in Watchmen als nur Übermenschen, die letzten Endes auch ihre Fehler haben. Besonders ein zynischer Charakter, der das Töten als Einziger als lustvoll empfindet und skrupelos zur Tat schreitet, erinnert an den Comedian aus Watchmen.


Polyphonie

Der Autor John Smith verzichtet fast vollsändig auf Action-Szenen. Er gibt selbst an vom Kino beeinflusst worden zu sein. Klassiker wie Sidney Lumets Die 12 Geschworenen, Ethan und Joel Coens Blood Simple oder auch Nicolas Roegs Wenn die Gondeln Trauer tragen hätten Smith' Angaben zufolge am meisten Anteil bei der Strukturierung der Erzählung gehabt. Vor allem Lumets Film trägt entscheidenden Anteil daran, dass viele Sequenzen "am Tisch" stattfinden.

Der Zeichner outet sich als vernarrter  Blade Runner- und Brazil-Fan. Die dystopischen Filme von Ridley Scott und Terry Gilliam werden tatsächlich durch eine ganz eigene Ässthetik getragen.

Das merkt man auch den Illustrationen der Comicserie an, die weniger durch High-Tech und Sci-Fi-Spielereien ins Auge fallen, sondern durch gedämpfte Retro-Optik der 1950er Jahre brilliert.

Bemerkenswert sind in erster Linie die Remniszensen an die Kunstgeschichte, die in die Panels immer wieder auftauchen. Als Beispiel sei hier ein Verweis (rechts unten) auf die surrealistische der Malerei, genauer auf ein Bild von Salvador Dali (rechts oben), aufgeführt.

Wie Alan Moore reichert auch Smith seine Serie mit fiktiven Zusatzmaterial zu seinen Patrioten an: Magazine, Filmkritiken, Artikel und Abteilungsmemos runden die Storys nicht nur ab, sondern werfen zusätzliche Perspektiven auf die Charaktere.

Die fast schon karge und anekdotenhafte Gliederung der Serie erinnnert zudem stark an das Werk von J. G. Ballard, Thomas Pynchon oder William S. Burroughs.

Match Cut

Um die herausragende Qualität der  Serie zu veranschaulichen sei hier auch noch auf eine spezielle Montagetechnik hingewieseen, die eher aus der Filmsprache bekannt ist: Dem so genannten "Match Cut". Im unteren Bildbeispiel sehen wir eine spezielle Parallelmontage. Die Autoren springen zwischen zwei Erzählebenen hin- und her. In diesem Fall verbinden sie die beiden Erzählstränge miteinander, indem sie eine Einstellung wiederholgen. In beiden Fällen weisen die Protagonisten  die gleiche Körperhaltung auf. Ihr Dialog beinhaltet jeweils "Er ist tot".

Der Unterschied liegt in im Licht-Schatten-Effekt: Während das linke Panel das Antlitz des Protagonisten im Dunkeln verbirgt, tritt im rechten Panel das Dunkle in den Hintergrund und wird zum Rahmen. Der Erzähler (der Bruder des Jungen im rechten Panel) schildert sein Erlebnis im Voice-Over-Text im linken Panel und wird bei seiner Schilderung durch die Realität eingeholt, die für ihn einen repetitiven Moment  bedeutet. Die Initiationshandlung, die aus dem Charakter im linken Panel einen neuen Menschen gemacht hat, wiederholt sich durch das schicksalhafte Erlebnis seines Bruders, dessen Fisch gestorben ist.




Die abgeschlossene, fünfbändige Serie kann unter anderem bei diesen Anbietern oder auch hier bestellt werden. Zuvor sollte man jedoch einmal bei seinem lokalen Comichändler nachfragen!

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